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Glossar 
Ausgewählte Begriffe zum Thema Rechtsextremismus werden hier erläutert.

 

Ein weiterführendes Glossar bietet die GRA an unter www.gra.ch

 

Anti-Antifa

Anti-Antifa ist ein möglicher Schwerpunkt rechtsextremer Aktivität. Statt für eine „nationale Revolution“ oder die „eigene Kultur und Rasse“ kämpfen Anti-Anti-AktivistInnen  gegen – vermeintliche oder tatsächliche – politische GegnerInnen. Entstanden als Konzept in der ersten Hälfte der 1990er Jahren in Deutschland, verknüpfen sie dabei Recherche- und Öffentlichkeitsarbeit mit gezielter Einschüchterung und teilweise auch gewalttätigen Übergriffen. Bei der Recherche- und Öffentlichkeitsarbeit übernehmen sie vielfach Methoden und Stil des politischen Gegners, gerade von spezifisch antifaschistischen Gruppierungen.

 

Antisemitismus

Der Begriff „Antisemitismus“ wurde um 1879 vom judenfeindlichen Journalisten Wilhelm Marr geschaffen, der den traditionellen Antijudaismus auf eine neue Basis stellen wollte. Wie andere Judenfeinde seiner Zeit wandte er sich gegen die Emanzipation der Jüdinnen und Juden. Er behauptete, dass die Menschen jüdischen Glaubens eine fremde Rasse von „Parasiten“ seien, die erfolgreich die Ausbeutung Deutschlands betreiben würden.

Definition: „Antisemitismus ist ein dauerhafter latenter Komplex feindseliger Überzeugungen gegenüber Juden als einem Kollektiv. Diese Überzeugungen äußern sich beim Einzelnen als Vorurteil, in der Kultur als Mythen, Ideologie, Folklore und in der Bildsprache, sowie in Form von individuellen oder kollektiven Handlungen – soziale oder gesetzliche Diskriminierung, politische Mobilisierung gegen Juden und als kollektive oder staatliche Gewalt –, die darauf zielen, sich von Juden als Juden zu distanzieren, sie zu vertreiben oder zu vernichten.“

Wichtig zu betonen ist, dass dabei Judentum nicht als religiöser Glaube, sondern als ethnische Eigenschaft verstanden wird. Während im christlichen Antijudaismus eine Konvertierung zum Christentum grundsätzlich eine Option darstellte, ist der Antisemitismus losgelöst von den Handlungen der diskriminierten Bevölkerungsgruppe.

 

Casa Pound

Die Casa Pound ist eine italienische neofaschistische Gruppierung, die seit 2003 existiert. Damals besetzten Rechtsextreme aus verschiedenen Gruppen im römischen Stadteil Esquilin ein leerstehendes Haus, welches sie „Casa Pound“ nannten (nach dem amerikanischen Dichter und Antisemiten Esra Pound). Dort stellten sie auch Wohnraum zur Verfügung, allerdings nur für ItalienerInnen. Casa Pound entwickelte sich bald zu einer der bedeutendsten rechtsextremen Organisation Italiens und hat deswegen für viele Rechtsextreme in Europa Vorbildfunktion. Dies liegt vor allem daran, dass es ihnen gelang, neofaschistisches Gedankengut attraktiv zu vermarkten. Zu diesem Zweck bedient sich Casa Pound einerseits politischer Aktionsformen, welche vor allem in der ausserparlamentarischen Linken verbreitet sind (wie Hausbesetzungen, aktive Arbeit in Schulen und Hochschulen, etc.). Andererseits verwenden sie bei ihrer Propaganda (etwa mittels Plakaten oder auch im Internet) eine Ästhetik, die an die Moderne des frühen 20. Jahrhunderts (Futurismus) und an die moderne Popkultur angelehnt ist.

 

Ethnopluralismus

Der Begriff "Ethnopluralismus" – zusammengesetzt aus dem griechischen "ethnos" (Volk) und dem lateinischen "pluralis" (Mehrzahl) – propagiert "Völkervielfalt". Er ist eine von den Neuen Rechten entworfene Vorstellung, wonach die verschiedenen Rassen oder Ethnien zwar gleichberechtigt seien, jedoch zur „Reinhaltung“ von Staaten und Gesellschaften getrennt leben müssen. Der Begriff wurde von Exponenten der Neuen Rechten in Frankreich entwickelt.

 

Faschismus

Der Begriff Faschismus bezeichnet einerseits die Zeit der Herrschaft der Faschistischen Partei in Italien unter dem Diktator Benito Mussolini (1922-1944). Andererseits ist er ein Obergriff für alle Bewegungen/Parteien, die nach dem Ersten Weltkrieg den demokratischen Staat ablehnten und durch ein diktatorisches System ersetzen, die Arbeiterbewegung zurückdrängen oder vernichten wollten und meist antisemitisch agierten. So zum Beispiel in der Schweiz die Fronten, in Deutschland die Nationalsozialistische Arbeiterpartei NSDAP, in Ungarn die Pfeilkreuzler, in Rumänien die Schwarze Garde. Faschistische Diktaturen herrschten auch in Spanien (Franquismus ab 1936) und Portugal (Diktatur Salazar bis 1974). Im engeren Sinn grenzt sich Faschismus vom Nationalsozialismus hauptsächlich dadurch ab, dass im Faschismus der Staat die zentrale Grösse ist, der sich alle Individuen unterzuordnen haben, während im Nationalsozialismus diese Funktion der „arischen Rasse“ zukommt.

 

Fremdenfeindlichkeit / Xenophobie

Fremdenfeindlichkeit bezeichnet eine ablehnende, ausgrenzende oder feindliche Haltung gegenüber Personen oder Gruppen, die als andersartig gesehen und daher als „fremd“ bezeichnet werden. Sie drückt sich vor allem als Misstrauen, Abwehr und Feindschaft gegenüber Ausländern aus. (gr.: Xenos=Fremder / Phobie=Angst).

 

Holocaust / Shoa

Der Begriff „Holocaust“ [griech./lat.: Brandopfer] bezeichnet die planmäßig betriebene, auf völlige Vernichtung gerichtete Massenvernichtung von Menschen jüdischen Glaubens, angeordnet durch die nationalsozialistische Führung und verstärkt ausgeführt nach Beginn des Angriffkrieges gegen die Sowjet-Union.

Weil der Begriff Holocaust ursprünglich für ein verbranntes, religiöses Tieropfer stand, wird er teilweise als problematisch angesehen. Aus diesem Grund wird auch in Europa vermehrt der hebräische Begriff „Shoa“ verwendet (von hebräisch: „ha'Schoah“ - Katastrophe/Unglück).

 

Holocaustleugnung

Holocaustleugner bestreiten drei offensichtliche Sachverhalte: erstens, dass es einen Plan zur Ermordung der europäischen Juden gegeben habe, zweitens, dass Gaskammern zur Ermordung der Opfer gebaut worden seien, und drittens, dass die Zahl der durch die nationalsozialistische Judenverfolgung umgekommenen Jüdinnen und Juden mehrere Millionen Menschen betrage. Holocaustleugner behaupten, sie wollen die Geschichtsschreibung über den Zweiten Weltkrieg „revidieren“. Sie nennen sich deshalb „Revisionisten“. Einige nennen Holocaustleugner auch „Negationisten“, hergeleitet von französischen Wort „négationistes“ (dt.: Verleugner). Die Leugnung des Holocausts will den Nationalsozialismus von seinem grössten Verbrechen reinwaschen und ihn dadurch wieder politikfähig machen. Das Schweizer Bundesgericht hat bereits 1995 befunden, die Forderung „nach einem einzigen Beweis für die Existenz von Gaskammern im Dritten Reich ist angesichts der vorhandenen zahlreichen Beweise absurd und läuft auf das Bestreiten der Gaskammern und damit der zur Vergasung der Juden speziell eingerichteten Vernichtungslager und somit eines wesentlichen Teils des Holocaust überhaupt hinaus.“ Siehe BGE 121 IV 76ff.

 

Muslimfeindschaft / Islamophobie

In den westeuropäischen Ländern entwickelte sich in den vergangenen Jahrzehnten eine weitverbreitete Ablehnung gegen MuslimInnen. Der Hinweis auf den „Islam“ diente vorerst als Verstärkung der Fremdartigkeit. Heute werden MuslimInnen oftmals für alle möglichen gesellschaftlichen Missstände verantwortlich gemacht. Sie werden pauschal verdächtigt sich nicht in Europa „integrieren“ zu wollen, frauenfeindlich und sexistisch zu sein, mit dem islamistischen Terrorismus zu sympathisieren und eine heimliche Agenda zur Islamisierung Europas zu betreiben. Muslimfeindschaft ist zur Zeit ein zentrales Element vieler extrem rechter wie auch nationalkonservativer Gruppen und Parteien. Dies wird auch öffentlich geäussert. Muslimfeindschaft kann dabei auch die Rolle einnehmen, welche früher der Antisemitismus hatte (wenn auch teilweise nur als Vorwand), wobei der Antisemitismus damit meist nicht ersetzt wird. Dieser besteht parallel weiter, wird aber tendenziell nicht mehr öffentlich geäussert.

 

Nationalismus

Nationalismus bezeichnet Weltanschauungen und damit verbundene soziale Bewegungen, die die Herstellung und Konsolidierung eines souveränen Nationalstaats und eine bewusste Identifizierung und Solidarisierung aller Mitglieder mit der Nation anstreben. Historisch erreichten nationalistische Ideen erstmals im ausgehenden 18. Jahrhundert im Zusammenhang mit dem amerikanischen Unabhängigkeitskrieg und der Französischen Revolution massenmotivierende praktische Auswirkungen. Nationalismus kann sowohl eine Befreiungsbewegung bezeichnen wie einen Chauvinismus, der die Merkmale der eigenen ethnischen Gemeinschaft überhöht und verabsolutiert. Seit den 1970er Jahren wird der Begriff fast ausschließlich in diesem Sinne verwendet.

 

Nationalsozialismus

Nationalsozialismus bezeichnet eine politische Bewegung, die in Deutschland nach dem Ersten Weltkrieg entstand und die 1933 die Weimarer Demokratie beendete und eine Diktatur (das Dritte Reich) errichtete. Die Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei NSDAP, gegründet 1919, verfolgte nationalistische, antisemitische, rassistische und imperialistische Ziele. Adolf Hitler, Führer der NSDAP, schrieb sie in seinem Buch "Mein Kampf" (1925) nieder. Im Mittelpunkt seiner "Weltanschauung" steht die Idee des „arischen Herrenvolkes“, das sich aller Mittel zu bedienen hat, um sich »Lebensraum« zu schaffen, andere (angeblich minderwertige) Völker und Nationen zu unterdrücken und die Welt vom (angeblich einzig Schuldigen, dem) Judentum zu befreien. Zum »Rasse«- und »Lebensraum«-Gedanken tritt als drittes Element die umfassende Ablehnung der Arbeiterbewegung und der sozialistischen/kommunistischen Organisationen.

 

Neonazismus

Neonazismus bezeichnet alle Bestrebungen, die den (historischen) Nationalsozialismus in modernisierter Form wieder in die gesellschaftliche und politische Diskussion einführen wollen, respektive sich positiv auf diesen beziehen.

 

Neue Rechte / Nouvelle Droite

Die „Neue Rechte“ (oder „Nouvelle Droite“) entstand in den 1960er Jahren vorwiegend in Frankreich. Sie umfasst verschiedene intellektuelle Zirkel, Publikationen und Verlage, die extreme rechte Ansichten wieder gesellschaftlich salonfähig machen wollten. Sie distanziert sich vom Nationalsozialismus und orientiert sich stattdessen an Theoretikern und Werken der „Konservativen Revolution“ der 1920er Jahre und dem frühen italienischen Faschismus. Sie alle propagieren  eine natürliche Ungleichheit der Menschen, auch vertreten sie nationalistische Positionen. Gleichzeitig verharmlosen sie den Einfluss der Konservativen Revolution als ideologische Vorbereiter für den Nationalsozialismus.

 

Rassismus

„Der Rassismus ist die verallgemeinerte und verabsolutierte Wertung tatsächlicher oder fiktiver Unterschiede zum Nutzen des Anklägers und zum Schaden seines Opfers, mit der seine Privilegien oder seine Aggressionen gerechtfertigt werden sollen.“ (Albert Memmi)

Rassismus hat vier wesentliche Elemente, die alle vorhanden sein müssen

1.    Nachdrückliche Betonung von Unterschieden zwischen dem Rassisten und seinem Opfer

2.    Wertung dieser Unterschiede zu Nutzen des Rassisten und zum Schaden seines Opfers

3.    Verabsolutierung dieser Unterschiede, indem diese verallgemeinert werden und für endgültig erklärt werden

4.    Legitimierung einer tatsächlichen oder möglichen Aggression oder eines tatsächlichen oder möglichen Privilegs.

 

Rechtsoffenheit

Als rechtsoffen gelten Organisationen oder gesellschaftliche Gruppierungen dann, wenn diese zwar nicht in ihrer Gesamtheit dem rechtsextremen Spektrum zuzuordnen sind, aber die offensichtliche Präsenz rechtsextremer Diskurse und Akteure entweder leugnen, ignorieren oder bewusst nicht als problematisch wahrhaben wollen.

 

Sozialdarwinismus

Wenn Darwins Evolutionstheorie, speziell der Ausdruck des „survival of the fittest“ (dt.: Überleben der am besten Angepassten) auf menschliche Gesellschaften angewandt wird, spricht man von Sozialdarwinismus. Die Evolutionstheorie wird als „Überleben des Stärkeren“ verstanden, die auch innerhalb der menschlichen Gesellschaft gilt. Daraus ergibt sich auch für Menschen, dass das Leben ein ständiger „Kampf ums Dasein“ ist, der einerseits individuell, andererseits aber auch als menschliche „Rasse“ oder „Volk“ gegen andere „Rassen“ oder „Völker“ ausgefochten werden muss. Nach der sozialdarwinistischen Idee können „Völker“ ihre Fortpflanzung „optimieren“, in dem sie „schlechtes Erbmaterial“ aussondern und „gutes“ fördern und damit einen entscheidenden Vorteil in diesem Kampf haben. Der Sozialdarwinismus war als wissenschaftliche Theorie besonders Ende des 19. Jahrhunderts verbreitet.

 

Ultranationalismus

In den vergangenen Jahren benutzen manche Journalistinnen/Journalisten oder PolitikerInnen den Begriff „Ultranationalismus“, wenn sie über Gruppen oder Bewegungen schreiben, die gewalttätig gegen staatliche Repräsentanten oder Angehörige von Minderheiten vorgehen. Allerdings gibt es weder Organisationen noch Programme von Ultranationalisten. Der Begriff wird heute meist dann gebraucht, wenn Schreiber oder Redner zwar Rechtsextremismus meinen, jedoch den Begriff nicht verwenden wollen.

 

Völkische Ideologie

Völkische Ideologien entstanden zu Beginn des 20. Jahrhunderts und existieren (teilweise in veränderter Form) bis heute. Völkisches Denken beruht auf der Vorstellung, die Menschheit lasse sich in verschiedene „Völker“ einteilen, wobei als „Volk“ eine Gemeinschaft von Menschen „gleicher Abstammung“ verstanden wird, die über gemeinsame Eigenschaften verfügen (Volkscharakter). Als SchweizerIn angesehen wird nicht, wer einen Schweizer Pass besitzt, sondern wessen Vorfahren SchweizerInnen gewesen sind. Der Kampf gegen „Überfremdung“ und die „Reinhaltung“ des eigenen Volkes“ spielt – wie beim Ethnoplurialismus - in völkischen Ansichten eine zentrale Rolle.

 

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