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Forschung in der Deutsch-Schweiz 
Verschiedene Studien greifen die Thematik Rechtsextremismus in der Deutsch-Schweiz auf. Der Forschungsschwerpunkt liegt bisher in der Jugendforschung und im schulischen Bereich.

 

Rechtsextremismus - Ursachen und Gegenmassnahmen

Das vom Bundesrat im Jahr 2003 in Auftrag gegebene Nationale Forschungsprogramm (NFP 40+) hat neue Einsichten über Entstehungsbedingungen, Erscheinungsformen, Verbreitung und Konsequenzen von rechtsextremen Aktivitäten und Einstellungen in der Schweiz gewonnen. Die Ergebnisse der 13 Forschungsprojekte, die mit insgesamt vier Millionen Franken finanziert wurden, schaffen die Grundlagen für zukunftsorientierte Strategien im Umgang mit Rechtsextremismus auf kommunaler, kantonaler sowie auf Bundesebene. Ausserdem gewährleistet das Programm den Anschluss der Rechtsextremismusforschung in der Schweiz an entsprechende Forschungen in anderen Ländern.

Schlusspublikation: Marcel Alexander Niggli (Hrsg.). Right-wing Extremism in Switzerland – National and international Perspectives. Nomos Verlag, Baden-Baden 2009, S. 301

 

Gewalt im Alltag und organisierte Kriminalität

Dem NFP 40+ (2003-2008) ging das NFP 40 "Gewalt im Alltag und organisierte Kriminalität" (1997-2002) voraus. Dieses Programm beschäftigte sich mit Gewaltfragen. Es ging nicht vordergründig um Rechtsextremismus. Dennoch beschäftigten sich drei Projekte mit rassistischer Gewalt, antirassistischer Erziehung und Prävention: Projekte 12,13 und 14 des NFP 40.

Die Ergebnisse aus dem Forschungsprojekt „Violence raciste en Suisse romande: analyse des actes, des acteurs et de nouvelles formes d’intervention“ (Eckmann et al. 2001) dienen als wissenschaftliche Grundlage zum Einbezug der Opferperspektive im Feld von Rassismus und Diskriminierung. Die Studie belegt, dass die gemeldeten rassistischen Übergriffe zu einem Grossteil von Erwachsenen aus gingen, und oftmals Machtbeziehungen (z.B. Beamte, Vermieter) ausgenützt werden. Diese Ergebnisse zeigen, dass es wichtig ist, über die in ihrem Erscheinen auffälligen jugendlichen Rechtsextremisten hinaus diskriminierende Phänomene im weiteren Umfeld wahrzunehmen.

Ein zweites Forschungsprojekt „Prävention und Bekämpfung von Fremdenfeindlichkeit, Rassismus und Gewalt bei Jugendlichen“ zur Evaluation verschiedener Projektunterrichtsformen zur Rassismusprävention und -intervention (Eser Davolio 2000) hat ergeben, dass die verschiedenen Programmteile ganz unterschiedliche Wirkungen erzielen punkto Einstellungsänderung. Diese gehen von dauerhafter Sensibilisierung bis zu Bumerangeffekten, wobei dies in erster Linie auf die unterschiedlichen Gruppendynamiken zurückgeführt werden kann, was zeigt, wie wichtig der Einbezug solcher Kontextvariablen ist.

In einem gemeinsamen Umsetzungsprojekt des NFP 40 „Antirassistische Bildung. Theorie und Praxis. Zusammenfliessen der Erfahrungen zweier Nationalfondsprojekte“ wurden die wissenschaftlichen Erkenntnisse in pädagogische Strategien umgesetzt (Eckmann und Eser Davolio 2003). Während moralisierende und stigmatisierende Ansatzpunkte oft gegenteilige Effekte bewirken, nutzen Ansätze wie Konflikt- und Erlebnispädagogik Konflikte als Veränderungspotential und entwickeln dialogische Strukturen und Mediation, indem sie auch die Opferperspektive einbauen.

 

Familienerziehung und Rechtsextremismus

Thomas Gabriel der Universität Zürich untersuchte in seiner Studie zur „Familienerziehung und Rechtsextremismus“ die Biografien und Entwicklungspfade rechtsextremistischer Jugendlichen. Die Ergebnisse zeigen, dass die Jugendlichen keine Modernisierungsverlierer und somit keine Opfer des ökonomischen und gesellschaftlichen Wandels sind. Vielmehr kann von einer „Normalität“ der Lebensentwürfe gesprochen werden. Die Jugendlichen und ihre Familien gelten gesellschaftlich als gut integriert. Doch gab es eine hohe Anzahl Jugendlicher mit Jugendhilfemassnahmen. Die Folgen von Elternkonflikten und häuslicher Gewalt spielten ebenfalls eine wichtige Rolle. Auch wenn der Anschluss an die rechte Szene auf Gelegenheitsstrukturen und Zufälligkeiten beruht, so ist bei Jugendlichen die Anfälligkeit für rechtsextreme Einstellungen meist biografisch bedingt. Drei unterschiedliche familiäre Muster und biografische Verlaufsformen konnten festgestellt werden, welche rechtsextreme Einstellungen und Gewaltaffinität begünstigen (vgl. Gabriel 2007:7, Eser/Gabriel, 2014):

  • Abgrenzung durch Überanpassung – Radikalisierung der Werte und Normen des Herkunftsmilieus
  • Gewalt, Missachtung und Suche nach Anerkennung
  • Nicht-Wahrnehmung und Suche nach Erfahrung, Sicherheit und Differenz

 

Ausstiegsmotivation und familiäre Sozialisation von rechtsextremen Jugendlichen

Die Studie von Ueli Mäder und Wassilis Kassis der Universität Basel zur Ausstiegsmotivation und der familiären Sozialisation von rechtsextremen Jugendlichen fragt nach Ein- und Ausstiegsgründen.

Gründe für den Einstieg in die rechte Szene

  • Eine kompensatorische Entwicklungslinie in verunsichernden Lebensabschnitten (wie etwa Übergang Schule – Lehre – Beruf). Die Suche nach Orientierung kann in rechtsextreme Gruppierungen führen. Doch meist ist die politisch-ideologische Einstiegsmotivation so gering, weshalb auch ein längerer Verbleib in der Szene eher unwahrscheinlich wird.
  • Die ambitionierte Entwicklungslinie mit politisch-ideologischer Motivation dient dazu, gesellschaftliche Verhältnisse zu verändern und Sinnfragen zu klären (vgl. Gabriel 2007:33).

Gründe für den Ausstieg aus einer rechtsextremen Szene

  • Gespaltene Haltung zur rechtsextremen Gruppierung, da sie schlecht funktioniert und dem Ideal der “Kameradschaft“ nicht entspricht.
  • Positive Kontakte und Erfahrungen mit „Fremden“, welche den Abbau von Vorurteilen begünstigen und sich mit Ungleichheitsideologien nicht mehr vereinbaren lassen.
  • Gesellschaftliche Wirkungslosigkeit der politisch-ideologischen Aktivitäten
  • Übersättigung aufgrund ausgelebter Bedürfnisse, monotones Gruppenleben, Konflikte und Konfrontationen mit der Polizei etc. führen zu Distanzierung.
  • Burn-out beim ambitionierten Typus mit Führungsfunktion, der in Konflikt mit seinen schulischen oder beruflichen Verpflichtungen gerät, Aufwand und Ertrag stehen in einem Missverhältnis und die wahrgenommene Wirkungslosigkeit führt zu Entmutigung.
  • Belastend wahrgenommene Strafverfahren.
  • Einflüsse durch den Freundeskreis (z.B. Reaktivierung alter Freundschaften), das Arbeitsumfeld, Entwicklungsschritte des Jugendlichen – hingegen ist der Einfluss der Familie gering und kann sich lediglich auf die Gesprächsbereitschaft des Jugendlichen positiv auswirken.

Ein Ausstieg ist mehr als ein Austritt

  1. Ausstieg: keine Kontakte mehr zur rechten Szene, deutliche Mässigung der rechtsextremen Einstellungen
  2. Austritt: Ungleichheitsvorstellungen sind nach wie vor vorhanden, verlassen der rechtsextremen Szene als Abschluss einer „Lebensphase“
  3. Anschluss an eine rechtspolitische Partei: Ungleichheitsvorstellungen werden rationalisiert, in der Partei finden sie gesellschaftlich anerkannte Formen der politischen Betätigung, wobei extreme Haltungen und Vergangenheit verschwiegen und damit auch nicht verarbeitet oder redigiert werden (vgl. Mäder/Kassis 2007:36)

 

Jugendlichen im Dunkelfeld rechtsextremer Gewalt

Die Studie von Martin Schmid und Marco Storni (ecce, Basel) zu Jugendlichen im Dunkelfeld rechtsextremer Gewalt (2007) zeigt, dass rund jeder zehnte Jugendliche (10.7%) in der Nordwestschweiz während seines Heranwachsens einmal in irgendeiner Form Opfer von rechtsextremer Gewalt wird. Meist spielen sich die Gewalttaten im öffentlichen oder halböffentlichen Raum ab und es handelt sich dabei um jugendsubkulturelle Kleinkriege aber auch um Gewaltvorfälle gegen wehrlose Einzelopfer. Oft würden die rechtsextremen Tatmotive durch die Behörden, das soziale Umfeld und durch die Öffentlichkeit verneint oder den Opfern Mitschuld unterstellt, was zu einer sekundären Viktimisierung führe (vgl. ebd.:57). Gleichzeitig ergab die Befragung, dass 9.6 % der Jugendlichen mit rechtsextremen Gruppierungen sympathisierten oder ihnen zugeordnet werden konnten (vgl. ebd.:56). Die Studie schliesst mit den Forderungen der beiden Forschern, dass der Wahrnehmung und Sicht der Opfer mehr Beachtung geschenkt wird und dass neuralgische Stellen, wie beispielsweise öffentliche Verkehrsmittel, Durchgangsorte und Plätze besser kontrolliert und überwacht werden, insbesondere Freitag- und Samstagnachts.

 

Soziale Arbeit und Rechtsextremismus

Die Studie „Soziale Arbeit und Rechtsextremismus – Evaluation von Interventionen und Entwicklung von Guidelines“ (2008) von Miryam Eser und Matthias Drilling (Fachhochschule Nordwestschweiz) untersuchte, wie betroffene Gemeinden Rechtsextremismus durch gezielte Interventionen beeinflussen konnten. Dabei wurden die Wechselwirkungsprozesse zwischen dem Verfestigungsgrad rechtsextremer Einstellungen der Jugendlichen einerseits und dem Klima in der Bevölkerung berücksichtigt, da je nach Konstellation dieser beiden Faktoren unterschiedliche Interventionsmethoden in Betracht gezogen werden müssen.

Wirksam und nachhaltig erwiesen sich Interventionen mit einer eingehenden Problemanalyse und einem längerfristigen und mehrstufigen Vorgehen. Die untersuchten Gemeinden stuften die Begleitung durch ExpertenInnen für diese Interventionsprozess als sehr wichtig ein. Auch schätzten sie die Form der erreichten Vernetzung (Schule-Polizei-Jugendarbeit-Gemeindebehörden-Minderheitenvertreter) und Zusammenarbeit, weshalb sie diese Arbeitsform trotz des erreichten Rückgangs von Rechtsextremismus weiter aufrecht erhielten, um sie für neue Probleme, wie etwa Integration oder Vandalismus zu nutzen.

 

Ausstiegshilfen für Rechtsextremistinnen und -extremisten

Im Auftrag des Schweizerischen Forums für Migrations- und Bevölkerungsstudien (SFM) und einer Arbeitsgruppe des Bundes entstand 2002 eine Forschungsarbeit zu Ausstiegshilfen für RechtsextremistInnen. Sie erkundete Möglichkeiten und Potentiale einer Ausstiegshilfe für Extremistinnen und Extremisten in der Schweiz. Hoch- und niederschwellige Modelle aus Deutschland, Schweden und Norwegen wurden untersucht, Vertreter von Anlaufstellen, Polizei und Forschung zu ihren Erfahrungen in der Schweiz befragt und daraus Vorschläge für eine Schweizer Ausstiegshilfe erarbeitet.

 

Weiterführende Informationen zum Umgang mit Rechtsextremismus: Handlungansätze und Angebote

 

Quellen

D’Amato, G./ Gerber, B. (2002). Rechtsextremismus und Ausstiegshilfen – Möglichkeiten und Potentiale für die Schweiz. Neuchâtel: SFM/FSM

Eckmann, M./ Salberg, M.-A./ Bolzmann, C./ Grünberg, K. (2001). De la parole des victimes à l’action contre le racisme. Bilan d’une recherche d’action. Genève : ies éditions.

Eckmann, M./Eser Davolio, M.: Rassismus angehen statt übergehen – Theorie und Praxisanleitung für Schule, Jugendarbeit und Erwachsenenbildung. Zürich 2003.

Eser Davolio, M. (2000): Fremdenfeindlichkeit, Rassismus und Gewalt. Festgefahrenes durch Projektunterricht verändern. Bern, Stuttgart, Wien: Haupt Verlag.

Eser Davolio, M./ Drilling, M. (2008):Gemeinden antworten auf Rechtsextremismus - Perspektiven für eine Kooperation zwischen Verwaltung und Zivilgesellschaft. Haupt Verlag, Bern.

Eser, M./Gabriel, Th. (2014). Junge Rechtsextremisten in der Schweiz. Professionelle Begleitung von Ausstiegsprozessen. In: Rieker, P. (Hg.).Hilfe zum Ausstieg? Ansätze und Erfahrungen professioneller Angebote zum Ausstieg aus rechtsextremen Szenen. Weinheim und Basel: Beltz Juventa, S.95-113.

Gabriel, Th. (2007). Wo junge Erwachsene und Jugendliche rassistische Deutungs- und Handlungsmuster lernen: Familienerziehung und Rechtsextremismus .In: Fachstelle für Rassismusbekämpfung FRB (Hg.). Jugendliche und Rechtsextremismus: Opfer, Täter, Aussteiger.Bern: Eidgenössisches Departement des Innern, S.5-28. Herunterladen unter: bbl_Strategien_REX_dt_def.pdf

Mäder, U./Kassis.W. (2007). Rechtsextreme Jugendliche: Ausstiegsmotivation und familiäre Sozialisation. In: Fachstelle für Rassismusbekämpfung FRB (Hg.). Jugendliche und Rechtsextremismus: Opfer, Täter, Aussteiger.Bern: Eidgenössisches Departement des Innern, S.29-38. Herunterladen unter: bbl_Strategien_REX_dt_def.pdf

Schmid, M./Storni, M. (2007). Jugendliche im Dunkelfeld rechtsextremer Gewalt. In: Fachstelle für Rassismusbekämpfung FRB (Hg.). Jugendliche und Rechtsextremismus: Opfer, Täter, Aussteiger.Bern: Eidgenössisches Departement des Innern, S.39-58. Herunterladen unter: bbl_Strategien_REX_dt_def.pdf