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Geschichtliche Entwicklung in der Schweiz seit 1945 

Mitte Juli 1943 verbietet der Bundesrat (Regierung) die „Eidgenössische Sammlung“, die letzte Organisation der nationalsozialistischen Fronten, die 1933 (Machtabtretung an Hitler und die NSDAP) oder später entstanden waren. Das Ende des 2. Weltkrieges und die Entdeckung der nationalsozialistischen Verbrechen an Jüdinnen und Juden, aber auch an den Romas und Zwangsarbeiterinnen und –arbeitern diskreditieren alle rechtsextremen Bewegungen und Parteien, ihre Positionen gelten als unvereinbar mit einem demokratischen Staat (Antifastischer Grundkonsens).

Allerdings erscheinen auch in der Schweiz in den Jahren nach dem 2. Weltkrieg bereits wieder erste rechtsextreme Publikationen: in der Deutschschweiz die Zeitschrift „Turmwart“, in der Westschweiz der „Courrier du Continent“, an der bereits Gaston-Armand Amaudruz mitarbeitet. (Amaudruz, geboren 1920, wird bis Ende 2013 diese Zeitschrift dominieren bzw. allein führen). Erste Gründungen von rechtsextremen Organisationen scheitern bis Ende der 1970er-Jahren jeweils nach kurzer Zeit. Nicht in nationalsozialistischen Traditionszusammenhängen bewegt sich die Nationale Aktion NA, gegründet 1963. Sie kämpft als „Überfremdungspartei“ mit militant nationalistischer Ausrichtung gegen AusländerInnen, vorerst hauptsächlich gegen ItalienerInnen. Trotz der Differenzen ist die Partei auch für ehemalige Fröntler attraktiv. Und NA-Exponenten treten auch manchmal bei neonazistischen Organisationen als Redner auf. Nach einem Bundesgerichtsurteil (1987), das die ‚braunen Flecken auf der NA-Weste’ bestätigte, nannte sich die NA ab Juni 1990 neu Schweizer Demokraten.

Anfang der 1980er-Jahre treten in der Schweiz die ersten nationalsozialistischen Skinheads auf, daraus entwickelt sich in den kommenden Jahren ein subkultureller Rechtsextremismus, der in ländlichen Gemeinden und kleinstädtischen Gebieten Jugendliche und junge Erwachsene, meist Männer, angehören. Anfang der 1990er-Jahre entsteht eine Sektion des internationalen Netzwerkes der Hammerskinheads, erst um 1997/1998 auch eine Sektion von Blood & Honour (Blut und Ehre). Die beiden Bewegungen sind bald heftig miteinander verfeindet.

Im Umfeld der Naziskins entstehen - mit Höhepunkt im „Kleinen Frontenfrühling 1988/1989 - Organisationen mit einem politischen Anspruch. Das grösste Aufsehen erreichte die Patriotische Front PF, geführt vom Marcel Strebel und vorwiegend in der Zentralschweiz aktiv. Gewalttätige Angriffe von PF-Exponenten richteten sich zumeist gegen Asylsuchende und deren Unterkünfte. Interne Auseinandersetzungen und Strafprozesse liessen die Gruppe zusammenbrechen.

Die Auseinandersetzungen um den Beitritt der Schweiz zum UNO-Übereinkommen gegen Rassismus aktiviert ab 1993 die Holocaust-Leugner. Sie gründen eine Vereinigung, bleiben aber – trotz eifriger Publiaktionstätigkeit – weitgehend bedeutungslos, wenn auch holocaust-leugnende Ansichten von vielen RechtsextremistInnen geteilt werden. Die beiden bekanntesten Vertreter, Jügen Graf und Bernhard Schaub, erreichen internationale Ausstrahlung.

Der Rütli-Aufmarsch von Rechtsextremisten im Jahr 2000 führt zu einer landesweiten Diskussion über Rechtsextremismus und dessen Bekämpfung. Anfang September 2000 gründen mehrere Blood and Honour-Exponenten die Partei National Orientierter Schweizer PNOS. Die Partei ist vorwiegend in einigen Kantonen der Deutschschweiz aktiv und erreicht 2004 einen Sitz im Stadtparlament von Langenthal. Die programmatischen Anklagen an das NSDAP-Parteiprogramm streicht sie wieder aus dem Programm. Die PNOS ist die erste rechtsextreme Partei seit Ende des 2. Weltkrieges, die sich über zehn Jahre lang halten kann. In ihrem Umfeld bewegen sich regional aktive Kameradschaften, wie die Gruppe Morgenstern (Sempach und Umgebung).

In der Romandie orientieren sich die Rechtsextremisten an den Auseinandersetzungen in Frankreich. In den 1970er/1980er-Jahren agieren – vorwiegend in Genf – nationalrevolutionäre Kleingruppen, die versuchen, soziale Revolutionen mit gesellschaftlicher Restauration zu verbinden. Ab 2005 agiert in Genf auch eine Sektion der französischen Bewegung Les Identitaires, die sich an die Tradition der kulturalistischen inspierierten Neuen Rechte anlehnt und ein Europa ohne Islam und ohne Menschen aussereuropäischer Herkunft anstrebt. Die Genfer Sektion ist Teil der französischen Bewegung. Der Genfer Jean-David Cattin arbeitet dort seit rund 2010 im Vorstand. Der Versuch, identitäre Gruppen in der Deutschschweiz zu aktivieren, ist bis anhin nicht über Startbemühungen herausgekommen.